Bodensee
Ärzteorchester e.V.

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Deutscher Liebhaberorchester e.V.

Kritik Konzert Münsterlingen 2002

Skalpell mit Bogen vertauscht

Das Bodensee-Ärzteorchester überzeugte mit seinem Benefizkonzert in Münsterlingen

Für einmal haben sie den weissen Kittel abgelegt, die Musiker des Bodensee-Ärzteorchesters. In ihrem Benefizkonzert zugunsten des Thurgauischen Hilfsvereins für Gemütskranke spielten sie mit Erfolg Musik abseits ausgetretener Pfade.

martin preisser

münsterlingen. Wer kennt schon Musik der Komponistin Louise Farrenc, die auch Pianistin, Ehefrau und Mutter war, eine von vielen in der von Männern dominierten Tonkunst des 19. Jahrhunderts vergessenen Künstlerinnen?

Umso verdienstvoller, dass das Bodensee-Ärzteorchester ihr mit der Ouvertüre in Es-Dur und der Sinfonie Nr. 3 op. 36 viel Platz im Programm einräumte. Die Ouvertüre kam in frühromantischem Duktus daher, frisch und mit eingängiger Thematik, handwerklich gekonnt gesetzt.

Noten statt Ultraschall

Und schon hier bewiesen die knapp fünfzig Musikerinnen und Musiker, dass rund zwei Drittel von ihnen nicht nur EKGs oder Ultraschallaufnahmen lesen und interpretieren können, sondern auch Partituren und musikalische Ideen (das andere Drittel des Orchesters setzt sich aus Freunden und Nichtärzten zusammen). Das Orchester, unter der Leitung des Markdorfer Musiklehrers Hans Jörg Walter, spielte die Ouvertüre als Erstaufführung dynamisch differenziert und in den Stimmenregistern sehr ausgeglichen. Die Sinfonie von Farrenc ist klassizistischer, man merkt ihre Beschäftigung mit Mozart, dem frühen Schubert und die Verwurzelung in der Mendelssohn-Zeit. Das Werk ist voll von schönen Einfällen, etwas langatmig, aber trotz g-Moll meist von gelöster Stimmung. Diese gelang den Medizinern vom nördlichen Bodenseeufer und aus Konstanz. Es wurde mit Wärme und Einfühlung musiziert, aber etwas weniger konzentriert als sonst, vor allem bei den Bläserintermezzi. Trotzdem: Mit Elan und Engagement hat sich der Ärzte-Klangkörper einer verdienstvollen Komponistin angenommen.

Wagner-Enkelin im Publikum

Wagner hat seiner Frau Cosima das wundervolle Siegfried-Idyll geschenkt, benannt nach seinem Sohn. Der hatte das schwierige Los des Sohnes eines Genies. Und so verwundert es nicht, dass sein Konzertstück für Flöte und Orchester weniger den schweren Wagner-Klang als sehr viel Eleganz und Dezenz aufweist. Natürlich ist Siegfried Wagner dennoch Kind des späten 19. Jahrhunderts, das Werk erinnert auch an Richard Strauss, sehnsuchtsvoll, elegisch und mit dramatischen Einwürfen. Dem Orchester gelang es überzeugend, die Klangfarben filigran und aufgehellt herauszuarbeiten. Und Solist Peter Graner, Kinderarzt aus Überlingen und Gründer des Orchesters, zeigte, dass er ein blastechnisch wie gestalterisch überdurchschnittlicher Flötist ist. Sein Part verlangte viel Durchhalte- und Gestaltungswille. Er gelang, und als Zugabe noch abgerundeter. Besonders erfreut dürfte die Tochter von Siegfried Wagner, Verena, gewesen sein, die im Publikum sass. Ein Höhepunkt war das Hornkonzert Nr. 2 von Haydn mit dem erst 17-jährigen Christoph Ess. Hier riss ein wunderbar gestaltender Hornist sein Begleitensemble mit, das seinem wunderschön ziselierten Ton feinfühlig Boden bereitete.  

Warum musizieren Ärzte?

Interview mit Peter Graner und Siegmar Mende

Peter Graner

Kinderarzt

Vorgestern gab das Bodensee-Ärzteorchester in Münsterlingen ein Benefizkonzert. Was bedeutet für Mediziner das Hobby Musik? Wir sprachen darüber mit dem Kinderarzt Peter Graner und dem Onkologen Siegmar Mende.

Herr Graner, Herr Mende, warum musizieren Ärzte in ihrer Freizeit, und das oft auf recht hohem Niveau?

Peter Graner: Wenn ich meinen Beruf Ernst nehme, muss ich ja eigentlich immer geben. Von der Musik aber kommt sehr viel Energie zurück. Aus ihr hole ich mir Kraft, sie regeneriert. Und das Üben selbst hat ja etwas sehr Meditatives.

Gibt es Parallelen zwischen der medizinischen und der musikalischen Betätigung?

Siegmar Mende: In beiden Disziplinen muss ich und darf ich möglichst viel von mir selbst einbringen. Wie in der Musik muss ich mich auch in der medizinischen Sprechstunde in Stimmungen einfühlen können. Auch sind Konzentration und Präzision Parallelen zwischen beiden «Künsten».

Ist Musik Therapie?

Graner: Auf jeden Fall. Musik bringt die Seele ins Lot, sie glättet sie, die unsere und die der Patienten. Und sie enthält ja als wichtigstes Element das Gesetz der Anspannung und Entspannung, des Ein- und Ausatmens.

Wie beeinflusst das eigene Musizieren Ihren ärztlichen Alltag?

Mende: Beim Musizieren geht es um Teamwork, um das subtile aufeinander Hören. Man lernt Rücksicht aufeinander zu nehmen. Das sind Tugenden, die auch im Praxisalltag ganz wichtig sind.

Auch im Thurgau gibt es Musiker unter den Ärzten. Wären sie bei Ihnen im Orchester willkommen?

Graner/Mende: Auf jeden Fall. Sie sind herzlich willkommen. Vielleicht könnte man dann öfter in Konstanz proben. Und ein Stück zum Euregio-Gedanken hätten wir auch wieder beigetragen. Interview:Martin Preisser


Aus dem Tagblatt vom 14.5.2002 © St. Galler Tagblatt AG 

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