Bodensee
Ärzteorchester e.V.

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Deutscher Liebhaberorchester e.V.

Werkbeschreibung Konzerte Bad Wurzach/Weissenau 2006

Unsere drei Komponisten Georg Bizet, Joaquin Rodrigo und Arthur Honegger verbinden Aufenthalte in Paris. G. Bizet und J. Rodrigo haben in Paris studiert und auch dort ihre Lebenspartnerinnen gefunden, A. Honegger lebte in der französischen Hauptstadt als freischaffender Künstler.

Georges Bizet (1838 – 1875) ist vielen von uns über seine Oper “Carmen” bekannt, die glanzvoll auch schon am Bodensee aufgeführt worden ist. Fast ebenso bekannt sind seine beiden Suiten zu Daudet´s Schauspiel ”L´Arlesienne”. Neuerdings gesellt sich zu diesen Kostbarkeiten die C-Dur Sinfonie, die Bizet mit 17 Jahren geschrieben hat.
1855 war Bizet noch Student am Pariser Konservatorium, in das er schon als 11-jähriger eingetreten war. Er hatte inzwischen den ersten Preis auf der Orgel und jenen für Fugenkomposition gewonnen und sein Professor (und späterer Schwiegervater) Fremental Halévy hatte ihn als “jungen Kompo-nisten, Pianisten und Begleiter” an die komische Oper empfohlen.
Die erste Sinfonie – es gibt aber keine weitere – geht weit über eine Schülerarbeit hinaus. Bizet beherrscht die inneren Gesetze klassisch aufgebauter Musik, als sei er mit ihr aufgewachsen. Er schöpft aus einem Reichtum melodischer Einfälle und verwendet sie, wie er sie gerade braucht. Sie passen immer. Beispielsweise vertraut er im 2. Satz, im langsamen, der  ersten Oboe mehrfach lange Cantilenen an, die uns Zuhörer gleichsam auf eine lebendige Wiese voll blühender Orchideen führt. Und es darf – durch den Wechsel der Tonarten verursacht – jedes Mal eine andere Orchideen-pflanze  sein.
Die Sinfonie ist ein geniales Jugendwerk, das zu analysieren nicht nötig ist. Sie ist geistreich, charmant, französisch.

Joaquin Rodrigo (1902 – 1999) erblindete mit 3 Jahren fast vollständig, was ihn – wie er später selbst bestätigte – zur Musik hinführte. Nach ersten Studien in Valencia ging er 1927 nach Paris und studierte bei Paul Dukas Komposition. Bekannt wurde er zunächst aber als Pianist und Dirigent. Der Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges1936 zwang ihn und seine Frau, die Pianistin Victoria Kambi, Paris zu verlassen. Er ließ sich – aber erst nach diesem Krieg – in Madrid nieder, lehrte Musikgeschichte am Konservatorium, betätigte sich als Musikkritiker und leitete die Abt. Musik im span. Rundfunk.
Das Concierto de Aranjuez leitet seinen Namen von der Sommerresidenz der Spanischen Könige her. Es gilt als Prototyp für Gitarrenkonzerte mit einem Orchester, sonnt sich seit seiner Uraufführung im Jahre 1940 in unge-brochener Popularität und ist als eine Hommage an spanische Musik, insbesondere des Flamencos, zu verstehen.
Der erste Satz steht im 6/8-Takt. Doch wie sich diese Zahl sowohl durch 2, als auch durch 3 teilen lässt, wechselt der Rhythmus entsprechend lebhaft durch den ganzen Satz.  Was die Gitarre beginnt, springt in das Orchester über. Die Streichinstrumente klopfen scheinbar übermütig mit dem Bogen auf ihre Saiten. Na, wer kann´s besser: ´dam digi da, dam digi da, dum, dum, dum´ - Es ist eben der herrliche Tanz der Mauren aus Andalusien, Spaniens Markenzeichen traditioneller Musik.
Der zweite Satz führt uns in ein arabisches Metier. Ruhig, cantabile, gesanglich – die Partitur schreibt Dämpfer vor – setzt ein Englischhorn zur Überfahrt in die Märchenwelt von 1001-Nacht, in der sich natürlich auch die Gitarre heimisch zeigt. Sie nutzt viel Raum für Virtuosität und es möge uns bewusst werden, dass die Gitarre im Mittelmeerraum geboren worden ist.
Im Gegensatz zur orientalischen Folklore der beiden ersten Sätze kehrt der letzte Satz des Konzertes zur europäischen Variante Spaniens zurück, zur orchestral kompakten Rondomusik. Solist und Orchester laden zum gemeinsamen Tanz, rhythmische Grenzen werden aufgehoben, die Stimmung wird folkloristisch heiter und gelassen. Wenn die Gitarre die vergleichsweise einfache Rondomelodie mit purzelnden Triolen ´kommentiert´, schießt das Orchester mit teils grellem Spaß zurück, wobei jedes Instrument seine ihm eigene Originalität ausnützt, wie z.B. eine schrille Piccoloflöte oder das Kichern der Geigen, die einen Walzer andeuten, um dann mit dem ganzen Orchester Dur und Moll durcheinander zu bringen.

Arthur Honegger (1892 – 1955) ist bei uns vor allem wegen seiner Verliebtheit zu Lokomotiven bekannt. In keinem Musikunterricht der Schule darf seine “Pacific 231” fehlen, mit der er durch den amerikanischen Kontinent – einmal sogar als echter Lokführer – gerast ist. Seine Eltern waren Schweizer, er selbst besuchte das Konservatorium in Zürich, siedelte aber bald nach Paris um und lebte dort als freischaffender Komponist. Die Pastoral d´été entstand 1920.
Zum Einstieg werden ruhige, langsam-leise Viertel verlangt, ein Horn eröffnet den Gesang. Wir sind Zeugen einer Morgenstimmung in Honeggers Alpenregion. “Ich habe die Morgenröte des Sommers umarmt.” schrieb Honegger über die Partitur und ich möchte hinzufügen “und es war äußerst aufregend.” – Obwohl eine Pastorale ein Schäferstück, also eine Musik mit ländlichem Charakter ist, geht es im Mittelteil recht herzhaft zu...
Die moderne Musiksprache bedient sich gerne poly-(mehr-)rhythmischer und polytonaler Stilmittel, d.h. dass z.B. mehrere Rhythmen übereinandergelegt werden können – für manche von uns ungewohnt. Und dennoch klingt diese Komposition überaus stimmig. Da es mich reizt, mit dieser modern-himmlischen Musik unsere Seele zum Klingen zu bringen, erlauben wir uns das Werk zu Beginn zu musizieren und es am Ende des Konzertes zu wiederholen.  Ich denke, wir hören diese Musik beim zweiten Mal mit anderen Ohren.

Hans Jörg Walter

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